Haus Zueflucht

Fabrikstrasse 28
8005 Zürich

☎ 043 488 61 29
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Wie könnten wir Weihnachten feiern, wenn wir den Geburtstag von Menschen am Rande nicht feiern. Jesus, der selber ein Randständiger wurde, begegnet uns heute in diesen Menschen immer noch. 

O Gott, mache mich zu einem Werkzeug Deines Friedens.
Dass ich Liebe bringe, wo man sich hasst.
Dass ich Wege der Versöhnung aufzeige, wo Menschen sich kränken.
Dass ich Einigkeit bringe, wo Zwietracht herrscht.
Dass ich zur Wahrheit stehe, wo der Irrtum sich breit macht.
Dass ich gesunden Glaube lebe, wo der Zweifel drückt.
Dass ich die Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält.
Dass ich Licht entzünde, wo die Finsternis regiert:
Dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.
O Gott, lass mich danach trachten; in Dir Trost zu finden, dass ich wahrhaftig trösten kann.
Mich in Dir angenommen weiss, dass ich andere so annehmen kann, wie sie sind.
Dass ich sie erkennen kann wie sie in Dir sein werden.
Mich in Dir geliebt erfahre, dass ich selbstloser lieben kann.
Denn wer verzeiht, dem wird verziehen.
Wer sich hingibt, der empfängt; wer sich selbst vergisst, der findet.

Wer sein kleines Ego loslässt, der erwacht in die grossen Zusammenhänge, die über unser sterbliches Leben hinausgehen. Amen.

Bild: Rückseite vom Haus Zueflucht
von Urs Josef Kehl 2014 

Haus Zueflucht

Im und um das Haus Zueflucht geschehen immer kleine und grosse Wunder. Danke allen, die uns unterstüzen.

Die Sozialraumkarte gibt Auskunft über die Plätze, auf denen sich Organisationen und Menschen in spektakulären Lebenssituationen bewegen und platziert sind.

 

Der Verein Franziskanische Gassenarbeit wurde im Jahr 2000 gegründet, um gemeinsam mit Betroffenen (Menschen in spektakulären Lebenssituationen) neue Lebensperspektiven zu erarbeiten. Dabei orientieren wir uns am franziskanisch geprägten Menschenbild, das uns motiviert, jedem Menschen immer wieder neue Chancen zu ermöglichen.

Solche Bilder gehören zum Glück eher der Vergangenheit an, aber die Sucht und deren massiven Folgen sind nach wie vor ein grosses Thema. Nur, vieles geschieht hinter den Mauern, leider auch immer mal wieder im Haus Zueflucht.

 
 

               offener Mittagstisch free Statuten Fraga

                Kaffee Zueflicht

 

 
 

Alex

von Beno Kehl

Alex war damals vielleicht 65 Jahre alt. Er war nicht zu übersehen: groß, mit grauen buschigen Augenbrauen, der Kopf war meist kahl geschoren - und zwar so, dass überall kleine Schnitte zu sehen waren, aus denen sich offene Stellen bildeten, und etliche Haarbüschel, die seiner Rasur entgangen waren. Es sah aus, wie wenn er es mit einem Taschenmesser gemacht hätte.

Oft kam er in unsere Gebetsrunden. Dann saß er mit steifem Rücken da, schaute feierlich ernst und konnte aus heiterem Himmel eines seiner wenigen Gebete aufsagen. Er betete dann mit feierlich tiefer Stimme das Bruder-Klausen-Gebet, das auf Nikolaus von Flüe, den Schweizer Nationalheiligen, zurückgeht:

Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.

Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich führet zu dir.

Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.

Dann versank er wieder in seine steife Haltung und schaute mit verwahrlost-würdigem Blick in die Runde. Manchmal sagte er das Gebet richtig, manchmal brachte er die Sätze durcheinander. Ich wurde nie schlau aus dieser Seele. Wenn wir ihn fragten, wie es ihm gehe, sagte er immer, es gehe ihm bestens. Beim Essen hatte er die Angewohnheit, sich die Hosentaschen mit Fleisch oder auch Nudeln zu füllen. Er war ein echter Messie, einer der sammelt um des Sammelns willen. Immer wieder haben wir ihm gesagt, der Krieg sei vorbei und es gebe genug für alle. Irgendwie war er mit seinem auch bewusst gewählten "Clochard-Stil" köstlich. Einmal kauften wir für ihn saubere Kleider, aber am Tag darauf trug er wieder seinen Spezial-Look: Alte Militärhosen mit Schnüren zusammen gebunden, eine Schnur über die Schulter wie ein Hosenträger, ein löchriges T-Shirt mit einem nicht allzu frischen Geruch. Wir nahmen ihn einfach, wie er war, freuten uns, wenn er da war, und ließen ihn wieder ziehen.

Eines Tages war er verschwunden. Eine Woche, zwei Wochen, drei Wochen. Wir telefonierten herum, aber niemand wusste, wo er war. Wir kannten seine Adresse, so gingen Vittorio, Andreas und ich in das verwahrloste Haus, in welchem viele Gestrandete und Süchtige wohnten. Wir wussten nicht, in welchem Zimmer wir nach Alex suchen sollten, da nichts angeschrieben war. Also klopften wir an die verschiedenen Zimmertüren und manchmal machte eine heruntergekommene Gestalt die Tür auf. Aber niemand konnte oder wollte uns Auskunft über Alex geben. Eine Tür war aufgebrochen und stand ein Spalt weit offen.

Wir traten in das Zimmer, oder das, was man Zimmer nennt. Es war eher eine Müllhalde, welche zu Zweidritteln voll war mit gesammeltem Schrott, Abfall und Unrat. Wir dachten, das würde zu Alex passen. Auf einem schmuddeligen, mit Gegenständen überfüllten Tischchen erkannten wir im Halbdunkel einige Briefumschläge. Vittorio, der die Adresse anschauen wollte, hob einen der Umschläge vom Tisch auf. Er war auf drei Seiten aufgeschnitten, so dass der Inhalt sofort auf den Boden fiel. Auf dem Umschlag stand Alex  Name. Wir waren tatsächlich im Zimmer oder im Schlupfloch von Alex. Beim Aufsammeln der liegen gebliebenen Blätter blieb Vittorio stutzend stehen und machte etwas, was man eigentlich nicht tut: Er schaute hinein. Es war die Bestätigung für die Aktien eines der größten Pharmakonzerne in der Schweiz, eine Bestätigung für mehrere hunderttausend Schweizer Franken. Wir trauten unseren Augen kaum. Alex, der verlausteste Clochard in Zürich, war ein Millionär. Ob das wahr ist oder nicht, wir werden es wohl nie erfahren, da wir nie mehr etwas von ihm gesehen oder gehört haben. Das Zimmer wurde bald darauf anderweitig vermietet. 

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