Alex

von Beno Kehl

Alex war damals vielleicht 65 Jahre alt. Er war nicht zu übersehen: groß, mit grauen buschigen Augenbrauen, der Kopf war meist kahl geschoren - und zwar so, dass überall kleine Schnitte zu sehen waren, aus denen sich offene Stellen bildeten, und etliche Haarbüschel, die seiner Rasur entgangen waren. Es sah aus, wie wenn er es mit einem Taschenmesser gemacht hätte.

Oft kam er in unsere Gebetsrunden. Dann saß er mit steifem Rücken da, schaute feierlich ernst und konnte aus heiterem Himmel eines seiner wenigen Gebete aufsagen. Er betete dann mit feierlich tiefer Stimme das Bruder-Klausen-Gebet, das auf Nikolaus von Flüe, den Schweizer Nationalheiligen, zurückgeht:

Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.

Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich führet zu dir.

Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.

Dann versank er wieder in seine steife Haltung und schaute mit verwahrlost-würdigem Blick in die Runde. Manchmal sagte er das Gebet richtig, manchmal brachte er die Sätze durcheinander. Ich wurde nie schlau aus dieser Seele. Wenn wir ihn fragten, wie es ihm gehe, sagte er immer, es gehe ihm bestens. Beim Essen hatte er die Angewohnheit, sich die Hosentaschen mit Fleisch oder auch Nudeln zu füllen. Er war ein echter Messie, einer der sammelt um des Sammelns willen. Immer wieder haben wir ihm gesagt, der Krieg sei vorbei und es gebe genug für alle. Irgendwie war er mit seinem auch bewusst gewählten "Clochard-Stil" köstlich. Einmal kauften wir für ihn saubere Kleider, aber am Tag darauf trug er wieder seinen Spezial-Look: Alte Militärhosen mit Schnüren zusammen gebunden, eine Schnur über die Schulter wie ein Hosenträger, ein löchriges T-Shirt mit einem nicht allzu frischen Geruch. Wir nahmen ihn einfach, wie er war, freuten uns, wenn er da war, und ließen ihn wieder ziehen.

Eines Tages war er verschwunden. Eine Woche, zwei Wochen, drei Wochen. Wir telefonierten herum, aber niemand wusste, wo er war. Wir kannten seine Adresse, so gingen Vittorio, Andreas und ich in das verwahrloste Haus, in welchem viele Gestrandete und Süchtige wohnten. Wir wussten nicht, in welchem Zimmer wir nach Alex suchen sollten, da nichts angeschrieben war. Also klopften wir an die verschiedenen Zimmertüren und manchmal machte eine heruntergekommene Gestalt die Tür auf. Aber niemand konnte oder wollte uns Auskunft über Alex geben. Eine Tür war aufgebrochen und stand ein Spalt weit offen.

Wir traten in das Zimmer, oder das, was man Zimmer nennt. Es war eher eine Müllhalde, welche zu Zweidritteln voll war mit gesammeltem Schrott, Abfall und Unrat. Wir dachten, das würde zu Alex passen. Auf einem schmuddeligen, mit Gegenständen überfüllten Tischchen erkannten wir im Halbdunkel einige Briefumschläge. Vittorio, der die Adresse anschauen wollte, hob einen der Umschläge vom Tisch auf. Er war auf drei Seiten aufgeschnitten, so dass der Inhalt sofort auf den Boden fiel. Auf dem Umschlag stand Alex  Name. Wir waren tatsächlich im Zimmer oder im Schlupfloch von Alex. Beim Aufsammeln der liegen gebliebenen Blätter blieb Vittorio stutzend stehen und machte etwas, was man eigentlich nicht tut: Er schaute hinein. Es war die Bestätigung für die Aktien eines der größten Pharmakonzerne in der Schweiz, eine Bestätigung für mehrere hunderttausend Schweizer Franken. Wir trauten unseren Augen kaum. Alex, der verlausteste Clochard in Zürich, war ein Millionär. Ob das wahr ist oder nicht, wir werden es wohl nie erfahren, da wir nie mehr etwas von ihm gesehen oder gehört haben. Das Zimmer wurde bald darauf anderweitig vermietet.